Am 09. März 2019 gab der frühere Ratsherr von  DIE LINKE und Lokalhistoriker Sahin Aydin in Kunst- und Literaturstudio Galerie-7, Böckenhoffstraße 7 einen Rückblick auf die Bottroper Stadtgeschichte der Jahre 1918 – 1919 unter dem Motto: „100 Jahre Novemberrevolution / 100 Jahre Rathaussturm". Es folgte eine heiße Diskussion.

 

 

Nach Aydin wurde auch in Bottrop am 9. November ein Arbeiter- und Soldatenrat (ASR) gebildet. In ihm hatte die Mehrheits-SPD den stärksten Einfluss. Daneben waren christliche, freie und polnische Gewerkschaften und der Vertreter der USPD, August Banko, beteiligt. Aus Heimkehrende Soldaten wurde eine sozialdemokratische Volkswehr gebildet, um die Ordnung aufrecht zu halten.

 

 

 

Seit Dezember 1918 kam es auch auf Bottroper Zechen zu Streiks. Aydin vertrat die Ansicht, dass der sozialdemokratische Arbeiter- und Soldatenrat keine Interesse an der vom Reichsrätekongress beschlossenen Sozialisierung hatte. Durch die Streiks kam es zu einer Radikalisierung der Bergleute, die sich in einer stärkeren Beteiligung der USPD im ASR ausdrückte. Auch die Spartakusgruppe war dort erstmals mit zwei Sitze vertreten.

 

Nach Aydin griff am 17./18. Februar 1919 die gemäßigte, sozialdemokratische Volkswehrdie Streikposten der Bergarbeiter auf Prosper 1 und Prosper 2 an. Ein Arbeiter und ein Mitglied der Volkswehr kamen bei dem Gefecht ums Leben. Siebzehn Arbeiter wurden ins Gerichtsgefängnis und fünf ins Rathaus-Gefängnis gesteckt. Letztere gehörten zu USPD und Spartakusbund und waren z. Tl. selbst Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrats.

 

 

 

Am 19. Februar 1919 sammelten sich nach Aydin Angehörige der verhafteten Bergleute vor der Polizei-Hauptwache (in Rathaus) und forderten die Freilassung der Gefangenen und die Entwaffnung der Volkswehr. Es wurde auf die Demonstranten geschossen und es gab Tote. Am Spätnachmittag rücken revolutionäre Bergarbeiter und Sicherheitswehren aus Nachbarstädten in Bottrop ein. Selbst nachdem die Rathausverteidiger kapituliert hatten, schossen sie erneut auf die Belagerer. Nach der Eroberung des Rathauses wurden bedauerlicherweise dreizehn Rathausverteidiger erschlagen. Bei dem Gefecht um das Rathaus fanden insgesamt ca. 70 - 80 Menschen den Tod, seiten der revolutionären Arbeiter. 70 Personen der Volkswehr und Polizei wurden festgenommen und nach Mülheim gebracht. Sie kamen im Rahmen der Waffenstillstandsverhandlungen zwischen Reichswehr und USPD am 22. Februar 1919 wieder frei.

 


Nach der Eroberung des Rathauses wurde am 20.02.1919 ein neuer Arbeiter- und Soldatenrat in Bottrop gegründet. Den Vorsitz hatte der USPD-Vertreter Banko. Es wurde eine neue Sicherheitswehr aufgebaut. Am 23. Februar vormittags kam es im Rathaus zu Verhandlungen, an denen Hauptmann Lichtschlag und ein Sprecher der polnischen Bergarbeiter in Bottrop, Alois Fulneczek, beteiligt waren - ohne Ergebnis. Nachmittags besetzte das Militär unter Führung seines Kommandanten Lichtschlag die Stadt. Alois Fulneczek wurde festgenommen und im Gerichtsgefängnis ermordet.

 


Das Referat von Sahin Aydin regte zu einer heftigen Diskussion an, da das Publikum sich überwiegend mit der Stadtgeschichte tiefgründig beschäftigt hat. Mit der Sicht des Vortragenden waren nicht alle anwesenden (Männer) einverstanden. Einzelne Zeitangaben, Zahlen zu den damaligen Verlusten und Wertungen waren strittig und wurden hitzig diskutiert. Weitgehende Einigkeit herrschte jedoch über die Artikelserie in der WAZ, wo allein die Sicht der rechtsradikalen-monarchistischen Freikorps auf die Ereignisse ausgebreitet worden war. Dort war nicht einmal ein positiver Bezug zur Novemberrevolution vorhanden. Doch trotz oder wegen der Kontroversen war es ein informativer und sehr interessanter Abend.

 

 

 

Kunst- und Literaturstudio Galerie-7
Böckenhoffstraße 7, 46236 Bottrop

 

 

 

Pressemitteilung, 24.02.2019

 

 

Am 23. Februar 2019 fand eine Gedenkveranstaltung  am Grab von Alois Fulneczek auf dem Westfriedhof statt. Als ein Sprecher der revolutionären Bergarbeiter Bottrops war er vor 100 Jahren vom Freikorps Lichtschlag verhaftet und im Gerichtsgefängnis ermordet worden.

 

Als Moderator und Organisator führte der ehemalige Ratsherr Sahin Aydin durch die  Gedenkveranstaltung, zu der er auch die Enkelin von Alois Funeczek, Frau Krahl, begrüßen konnte.

 

Zunächst stellte der Historiker Dr. Peter Berens das Leben des Alois Fulneczek in den Zusammenhang der großen sozialen Bewegungen von Dezember 1918 und Januar, Februar und April 1919 mit der hunderttausende Bergarbeiter die 7-Stunden-Schicht, aber nicht die von SPD, USPD und KPD geforderte Sozialisierung erstreiken konnten. Als ein Sprecher der Arbeiterbewegung und vieler polnischsprachiger Kumpel in Bottrop war der Bergmann und Migrant Fulneczek den Angehörigen des antidemokratischen, monarchistischen und streikfeindlichen Freikorps Lichtschlag besonders verhasst.

 

Jörg Wingold (DKP) berichtete, dass sein Großvater 1918-1919 der sozialdemokratische Vorsitzender des Bottrop Arbeiter- und Soldatenrats war – und somit ein damaliger Gegenspieler von Alois  Fulneczek. Wingold bedauerte, dass er nicht die Gelegenheit hatte, mit seinem Opa über die Ereignisse von 1919 zu sprechen. Der Sprecher der DKP schlug einen Bogen zur Bedeutung des Gedenksteins für die Märzgefallenen und zu den benachbarten Gräbern der von den Nazis ermordeten Kommunisten Michael Mast und Franz Kwasigroch.

 

Vor dem Hintergrund der Bekämpfung der Arbeiterbewegung durch reaktionäre Kräfte 1919 sprach  Frank Jasenski von der MLPD die aktuelle Rechtsentwicklung in Europa an.

 

Peter Reichmann umrahmte die Gedenkveranstaltung mit Arbeiterliedern.

 

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Pressemitteilung, 18.02.2019

 

Am 23. Februar 2019 jährt sich zum hundertsten Mal die Ermordung des Bottroper Sprechers der revolutionären Bergarbeiter, Alois Fulneczek, durch das monarchistische Freikorps Lichtschlag. Der Karl-Liebknecht-Club Bottrop organisiert dazu eine Gedenkkundgebung am Samstag, den 23. Februar 2019 auf dem Westfriedhof Bottrop. Wir treffen uns um 13:30 Uhr auf dem Parkplatz des Friedhofes und gehen dann gemeinsam zum Gedenkstein und Grab von Alois Fulneczek.

Begrüßung und Moderation übernimmt der Lokalhistoriker und Leiter des Karl-Liebknecht-Clubs Bottrop Sahin Aydin.

Anschließend wird der Historiker Dr. Peter Berens auf die Lage der Arbeiterbewegung im Jahre 1918/1919 in Bottrop eingehen.

Danach folgen Redebeiträge von Frank Jasenski  MLPD und Jörg Wingold DKP (beide Bottrop) und DIE LINKE (Oberhausen).

Das Programm wird umrahmt mit Arbeiterliedern, vorgetragen von Peter Reichmann (Gitarre und Gesang). Anschließend werden Blumen und Kränze niedergelegt. Für ältere Menschen sind Sitzmöglichkeiten vorhanden.

Mit freundlichen Grüßen
Sahin Aydin

Karl-Liebknecht-Club Bottrop


Kontakt

Karl-Liebknecht-Club Bottrop

c/o Sahin Aydin

Postfach 100124

 

46201 Bottrop

E-Mail: info@sahinaydin.de

Rosa Luxemburg & Karl Liebknecht
Rosa Luxemburg & Karl Liebknecht

     Alois Fulneczek

29.12.1882 - 23.02.1919